I’m in a mood

Vermutlich haben es die meisten schon auf anderen Wegen mitbekommen: meine fiese Diagnose aus dem November hat in dieser Woche eine halbwegs guten Ausgang genommen. Ja, der Tumor ist bösartig. Aber zum Glück nicht so aggressiv, dass nun eine weitere (Chemo-)Therapie notwendig wäre. In Zukunft heißt es aber wieder häufiger: „Holzauge, sei wachsam!“. Damit muss ich klar kommen, es hätte aber auch viel schlimmer kommen können.

Was dieser verkraftbare Befund mit meinem Seelenleben anstellt, geht momentan auf keine Kuhhaut. Schon Wochen zuvor habe ich die liebe Michi vorgewarnt: „Wenn das alles gut ausgeht, mach Dich drauf gefasst, dass ich tagelang sehr, sehr nah am Wasser gebaut sein werde…“

Was ich aber etwas unterschätzt habe, sind die Unterschiede im Hinblick auf meine bisherigen Erkrankungen, die ja inzwischen 15 Jahre zurück liegen. Vielleicht liegt es daran, dass sich alles momentan noch ein wenig heftiger anfühlt als damals.

  1. Wenn da nach 15 Jahren Ruhe wieder etwas wächst, dann erschüttert es einen noch einmal mehr, als wenn (wie damals) nach einem halben Jahr wieder etwas auftaucht, das da nicht hin gehört.
  2. Nach der Diagnosestellung am 11.11. war ein OP-Termin erst in fünf Wochen anvisiert. Durch eine Erkältung, die mir – Murphy’s Law – punktgenau dazwischen kam, musste der Termin erneut um drei Wochen verschoben werden. Früher konnte ich kaum so schnell gucken wie operiert wurde. Nun hatte ich satte acht Wochen, in denen ich mir schön Gedanken machen konnte, wie dieses Teil in mir weiter wächst und gedeiht.
  3. Mit mittlerweile 47 Jahren wird einem die eigene Sterblichkeit noch wesentlich bewusster als mit Anfang 30. Zumal man inzwischen anerkennen muss, dass man aktuell schon in der zweiten Halbzeit spielt.
  4. Und diesen Punkt habe ich wohl bisher akut unterschätzt: das ganze Prozedere lief nicht nur über einen Jahres-, sondern über einen Jahrzehnte-Wechsel. Während da draußen alle ausgelassen das neue Jahr willkommen geheißen haben („Hey! Die Zwanziger! Das klingt doch endlich mal wieder cool!“), hatte ich mich im Haus verkrümelt, nicht mal die Nase hinausgestreckt, um bloß nicht wieder krank zu werden. Während alle anderen da draußen auf das neue Jahrzehnt angestoßen haben, hatte ich eine Höllenangst davor, von diesem Jahrzehnt überhaupt nichts mehr mitzubekommen (oder zumindest mit einem stark eingeschränkten Lebensstandard).

Und jetzt? Haben sich all diese Sorgen mehr oder weniger in Luft aufgelöst. Dennoch wird es mich sicher noch eine Weile beschäftigen, um das alles zu verarbeiten. Heute ist auf dem ersten Spaziergang des Jahres so viel in mir hoch gekommen. Im schönsten Sonnenschein bin ich durch unsere Feldmark gegangen. Natürlich musste ich auf diesem Spaziergang auch gleich einen Glückspfennig finden – manchmal nutzt das Schicksal wohl auch gerne den Holzhammer. Irgendwann brach es aus mir hervor, ich sah in den Himmel und sprach unter heftigen Tränen mit meiner Mutter und meinem Opa: „Hier, guckt mal. Ich habe es noch einmal geschafft. Ein drittes Mal!“. Die Seele muss da echt noch einiges verarbeiten…

Weiterhin sehr unterschätzt: oftmals stößt man in seinen Feed, Timelines und wie sie sonst noch alle heißen über diese Sinnsprüche a la „Sage den Menschen, dass du sie magst – bevor es zu spät ist.“, „Lebe jeden Tag, als wäre es dein Letzter.“ Und so weiter und so fort. Um sie wirklich richtig zu checken, muss man vermutlich erst mal mit so einer existenziellen Angst konfrontiert werden. (Okay, ich habe nie gedacht, dass ich innerhalb der nächsten Wochen oder Monate tot umfalle, aber so ein klitzekleines bißchen Angst vor einem baldigen Tod macht sich ja irgendwie doch breit). Und auf einmal sind einem diese oft (über)lesenen Sinnsprüche sehr nahe. So kann es dann durchaus vorkommen, dass ich momentan den einen oder anderen vielleicht etwas unverblümt mit meinen Gefühlen konfrontiere. Ja, ich mag diverse Menschen – und das kann man ruhig auch mal sagen. Ihnen sagen, was man an ihnen schätzt oder auch einfach nur, dass man sie eben schätzt. Falls ich also irgendjemanden demnächst damit überrumpele (erste „Opfer“ gab es schon): blame it on the circumstances. 😉

Erwähnenswert ist dann noch dieser Moment, heute am Frühstückstisch. Im Radio dudelte ein Lied von Wincent Weiss, „Ich kann es kaum erwarten“, das ich in den letzten Wochen verständlicherweise mit ganz anderen Ohren gehört habe. Da gab es irgendwie nichts zu erwarten außer der mir schon bekannten Behandlung, bei der ich in vielen Momenten vor Schmerzen die Wände hätte hochgehen können. Zu groß war auch die Angst vor schlechten Nachrichten. Und als ich das Lied hörte, musste ich sofort an ein anderes Lied denken, das mir in den letzten Wochen noch viel mehr in der ewigen Heavy Rotation amtliche Schläge in die Magenkuhle verpasst hatte. Ein Lied, das ich dafür abgrundtief gehasst habe und dessen Sänger ich gerade mal so la-la finde. Aber heute schossen mir allein schon bei dem Gedanken an das Lied die Tränen in die Augen so wie auch jetzt und ich hatte in Bruchteilen von Sekunden mein Lied für 2020 gefunden:

Das war nämlich das Tollste in der Nacht, nachdem ich die gute Nachricht über den Befund bekommen habe: ich konnte nicht einschlafen. Nicht, weil ich mir Sorgen machen musste oder weil – wie in der Nacht zuvor – die Schmerzen mir keine Ruhe ließen, sondern weil ich Pläne machte! Pläne für Alltägliches, für Außergewöhnliches, für Reisen, für sportliche Ziele, für Renovierungen am Haus und so vieles mehr. Auf einmal explodierte fast mein Kopf angesichts der vielen Türen, die mir auf einmal wieder offen stehen. Und deswegen mache ich mich als nächstes auch daran, eine persönliche Bucket List für das Jahr 2020 zu machen. Ganz nach dem Vorbild meiner lieben Cousine.

Vermutlich einer der ersten Punkte: mich hier wieder mehr zu Wort zu melden und endlich wieder die Lust am Schreiben für mich zurück zu entdecken.

2 Gedanken zu „I’m in a mood“

  1. Ich freue mich, dass du so voller Pläne bist und wünsche dir/euch, dass es noch sehr, sehr viele Jahre geben wird mit Bucket Lists voller Dinge zwischen „aufregend neu“ und „altbewährt“. Garantien für Lebenslängen gibt es keine, aber wir können immer das Beste aus dem machen, was wir haben. Und für 2020 erwarte ich von dir erstmal, von dem was du mit diesem Leben anfängst, jede Menge hier lesen zu können! Und weiterhin gute Genesung!

    die ominöse Cousine

    1. Hallo liebe ominöse Cousine!

      Danke für die Wünsche. Dir wünsche ich natürlich für die bevorstehende aufregende Zeit auch das Beste und viele tolle Erlebnisse. Ja, Du hast recht: wir können immer das Beste aus dem machen, was wir haben. Aber im Alltag verliert man ja oft die Orientierung, was denn das Beste für einen ist, wenn man an allen Ecken und Enden meint, für andere da sein zu müssen. Ich bin der Meinung, man sollte sich immer dessen bewusst sein, dass man zu allererst für sich selbst zu sorgen hat. Denn nur wer halbwegs glücklich ist, kann auch anständig für andere da sein.

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