Liebes Fitness-Tagebuch, Juli 2017

Das war gestern mal wieder eine (fast) perfekte Radtour. Ich weiß nicht warum, aber während ich mich im Alltag bei Temperaturen über 30°C gerne ins Kühle zurückziehe, blühe ich auf dem Rad dann erst richtig auf.

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Vor einiger Zeit – im Urlaub auf Fuerteventura – habe ich häufiger mal darüber nachgedacht, was Sport mir bedeutet bzw. warum Sport für mich inzwischen diesen hohen Stellenwert im Leben hat. Wenn ich daran denke, wie sehr ich mein Leben in den ersten 35 Jahren “vergammelt” habe… Sport war für mich immer ein Fremdwort. Dass man sich nach dem Sport nicht nur ausgepowert, sondern auch richtig gut fühlen kann, hat in meinem Erlebnishorizont nie stattgefunden. Durch meine Krebserkrankung vor nun immerhin schon 13 Jahren habe ich begonnen, vieles im Leben bewusster zu erleben, wertzuschätzen. Früher bin ich irgendwie blind durch’s Leben getrottet. Heutzutage bringe ich den zu Mülltonne und bleibe minutenlang verzückt stehen, wenn ich über mir einen Schwarm Gänse schnattern höre. Es sind die kleinen Dinge wie der letzte Lichtstrahl an einem gigantisch orangen Horizont beim Sonnenuntergang oder diese herrliche Luft bei einem kühlenden Sommerregen. Ja, früher auch schon ganz nett, aber heutzutage die Welt.

Und ähnlich verhält es sich mit Sport. Gerade letztens habe ich auf einer Teilstrecke, die ich laut Strava nun schon über 90 mal gefahren bin, einen neuen persönlichen Rekord aufgestellt. Und der hatte nicht mal was mit günstigem Rückenwind zu tun. Auf diesen 4,2 Kilometern habe ich mal alles gegeben. Quasi 4 Kilometer Sprint. Wer schon mal richtig gesprintet ist, der weiß wie sehr das an den Kräften zehrt. Aber auf der “Zielgeraden” habe ich mir nur gedacht: “Wow! Da hast Du jetzt 8 Minuten lang alles gegeben und in die Pedale getreten als wäre der Teufel hinter Dir her – und hast immer noch Kraft!” Man muss dazu sagen, dass dieses Teilstück direkt von unserem Dorf ins Nachbardorf geht und es meist – so wie auch an jenem Tag – der Beginn einer längeren Radtour ist. Auch an dem Tag habe ich nach diesen 8 Minuten Höchstleistungen noch die eine oder andere Steigung bezwungen und zig Kilometer dran gehängt. Hätte mir vor 20 Jahren jemand gesagt, dass mein Körper zu sowas fähig ist, ich hätte ihn ausgelacht.

Und einige der Gedanken, die mir auf Fuerteventura zum Thema Sport durch den Kopf gegangen sind, waren auch gestern wieder da. Mein Hauptgedanke ist: in keinem anderen Moment bin ich so sehr “bei mir” wie beim Sport. In keinem anderen Moment nehme ich meinen Körper so unmittelbar wahr wie in diesen Momenten des Auspowerns. Auch gestern ging bei einer amtlichen Steigung der Puls auf über 170 Schläge die Minute hoch, das Atmen fiel schwer, Kopfschmerzen stellten sich ein, aber ich dachte nur: “Cool, dass man gerade in diesen Momenten, in denen man sich bis zum Verrecken anstrengt, so intensiv merkt, dass man LEBT!”. Keine Bange: ich weiß inzwischen die Warnzeichen meines Körper schon ganz gut einzuschätzen. Nach dieser intensiven Steigung ging es auch wieder gemütlich bergab und auch die nächsten Kilometer legte ich wesentlich gemächlicher zurück, so dass die Kopfschmerzen wieder verschwanden.

Sport begeistert mich! Es ist immer wieder schön zu sehen, wie viel mein Körper leisten kann. Wenn ich nach 8 Minuten Sprint nicht tot aus dem Sattel kippe oder wenn ich auch heute noch auf Strecken neue Rekorde aufstelle, die ich in den letzten Jahren zigfach gefahren bin. Irgendwie kann ich dennoch immer noch eine Schippe mehr drauf legen.

Die gestrige Tour war nur deswegen fast perfekt, weil ich definitiv zu wenig Getränke dabei hatte. Zwar habe ich direkt vor dem Start gut einen halben Liter Wasser getrunken, die Trinkflasche mit ihren 750 ml musste ich mir dann trotzdem bei der brütenden Hitze gut einteilen. Dennoch freue ich mich, dass ich in den vergangenen vier Tagen über 165 Kilometer gerissen habe. Beim nächsten Mal ist dann wieder mein Camel-Bag mit 3 Litern Wasser dabei. Da geht mir so schnell die Puste nicht aus. Und für den Fall der Fälle habe ich auch mal wieder Müsliriegel gekauft, falls mich bei der nächsten längeren Tour mal wieder der Hungerast erwischt…

1 Comment

  1. Sehr schön geschrieben! Klasse, dass du den Weg gefunden hast im „Jetzt“ zu leben und die kleinen Dinge zu genießen. Das muss ich noch lernen. Dennoch teile ich mit dir das Erlebnis beim Sport: Auch ich habe die ersten 28 Jahre nichts gemacht, doch dann ist der Knoten geplatzt. Du beschreibst das Gefühl hier sehr gut.

    Ich wollte dir übrigens schon einen Trinkrucksack empfehlen, bis ich dann im letzten Absatz davon gelesen habe. Eigentlich logisch, du als halber Profi… 😉

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