Entspannter Kurz-Trip nach Berlin

Die Wochenend-Reise nach Berlin begann mit einer wichtigen Erkenntnis: “Nächstes Mal fährste lieber Bahn”. Kostet zwar einen Tacken mehr als der Flixbus, kommt dafür aber weit pünktlicher, kann nicht in den Stau kommen und man sitzt kürzer und zudem bequemer. Schon mal im Hinterkopf notiert.

Auch der Beginn der Reise war recht kurios, bin ich doch gemeinsam mit meinem Berliner Gastgeber in die Hauptstadt gefahren, da er am Freitag beruflich in Hannover war. Und so hat mich mein Gastgeber nicht an seiner Wohnungstür erwartet, sondern mich vielmehr durch seinen Kietz zu seiner Wohnung gelotst und dabei schon hier und da so einiges zu erzählen gehabt.

Der Freitagabend war absolut entspannt. Nachdem wir im nahegelegenen Supermarkt das Willkommensbier gekauft hatten, versorgte uns der Pizza-Flitzer mit zwei “39-Zentimeter-klingt-erst-mal-nicht-so-groß-macht-retrospektiv-gesehen-aber-pappesatt”-Pizzen. Diese haben wir ebenso wie auch das inzwischen gut gekühlte Berliner Kindl auf dem schönen Balkon genossen.

Berlin

Dem Balkon konnte ich persönlich ja sowohl positives als auch negatives abgewinnen. Zum einen musste ich feststellen, dass es in der pulsierenden Hauptstadt tatsächlich Ecken gibt, die dank der vielen hohen Wohnhäuser echt gut den Straßenlärm der Hauptstraßen abschirmen. Als ich nach Mitternacht noch mal draußen war, hatte ich das Gefühl, dass es dadurch mitten in Berlin nachts ruhiger sein kann als im heimischen Dorf, das quasi mitten in einem Bahngleisdreieck für ICEs, S-Bahnen und Güterzüge liegt. Ein Punkt, der für mich jedoch ab-so-lut negativ war (und meinen Gastgeber wohl ein ums andere Mal zum Lachen brachte): zwar konnte man die Flugzeuge, die kurz vor der Landung in Berlin-Tegel waren, gut hören, aber nicht sehen. Die Einflugschneise verläuft nördlich von der Wohnung, der Balkon geht allerdings zur Südseite. Die umstehenden mehrstöckigen Wohnhäuser reflektierten den Schall so, dass ich bei jedem Landeanflug automatisch mit einem “Oh! Ein Flugzeug!” reagierte, den Himmel absuchte und mir erst in der nächsten Sekunde bewusst wurde, dass ich es ja nicht sehen kann, weil es *hinter* dem Haus entlang fliegt.

Bei der Sichtung des eher mittelmäßigen “Risky Business” mit Tom Cruise bin ich dann zeitweise ein wenig weggeschlummert, offizielles Ende des Tages war dann um 1 Uhr.

Am nächsten Morgen bin ich punkt 9 Uhr aufgewacht. Ich war keine halbe Minute wach, da ging die Tür zum anderen Zimmer auf und Phil ließ sich blicken. Das nenne ich Timing. Beim Frühstück auf dem Balkon wollten wir eigentlich Pläne für den Tag schmieden, waren uns aber schnell einig, dass wir gar keinen Plan brauchen.

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Phil bekommt am nächsten Wochenende Familienbesuch, der dann Wert legt auf die Touri-Highlights. Die habe ich inzwischen zur Genüge durch, so dass wir uns einfach mal ein wenig durch Berlin treiben lassen wollten. Frei nach dem Motto “Alles kann, nichts muss” starteten wir in Richtung Hauptbahnhof. Ich hatte in Erinnerung, dass es da an der Spree eine Beach-Bar gibt, wo wir ein wenig abhängen könnten. Da war auch eine, aber ich meinte mich an eine noch bessere in Richtung Westen zu erinnern, also spazierten wir ein wenig am Spreeufer entlang.

Berlin

Stellt sich raus: meine Erinnerung hat mich getäuscht. Aber wir waren da sehr entspannt. Und statt (Selbst-)Vorwürfen a la “Wären wir mal da geblieben” beschlossen wir dann einfach, links abzubiegen in Richtung Tiergarten. Mal gucken, was kommt. Es kam ein schattiger Weg, der uns mit kryptischen Melodien eines großen Glockenspiels begleitete, die sich als Hits wie etwa Rod Stewards “Sailing” entpuppten. Auf der Luiseninsel musste ich erst mal die Kamera zücken, um meinem daheimgebliebenen Schatz ein Foto von der Gartenanlage zu schicken.

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Wir landeten schnell an der Tiergartenstraße und beschlossen, frei nach Schnautze, die Stauffenbergstraße einzuschlagen. Als hätte man es ahnen sollen, sind wir am geschichtsträchtigen Bendlerblock gelandet, wo wir einen kurzen Blick in den Innenhof geworfen haben.

Berlin

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Unser Weg Richtung Süden führte uns auf die Potsdamer Straße, die so eine typische berliner “Multi-Kulti-Straße” ist: kleine Läden wechseln sich mit Filialen der großen Unternehmen ab, gespickt mit Dönerläden und Bistros mit Außenbestuhlung, direkt an der vielbefahrenen Bundesstraße B1. Kurze Zeit später stießen wir auf die Bülowstraße, die ich einfach mal als einen selbsterkundeten Geheimtipp ausgebe: die Straße hebt sich von den anderen Straßen doch ziemlich ab, weil hier viele wirklich gute Graffiti zu sehen waren, die echt ein Foto wert waren. Besonders begeistert hat mich das “Weltraum-Haus”.

Berlin

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Zwei dringende Bedürfnisse sorgten dafür, dass wir doch wieder in Richtung Potsdamer Platz spaziert sind: Flüssigkeit wollte sowohl oben rein als auch unten raus. Und so haben wir einen kleinen Zwischenstopp am Alex im Sony Center gemacht und uns das wilde Touri-Treiben angesehen. Und weil es ja auch ein wenig außergewöhnlich sein sollte, gab es statt einer schnöden Cola auch eine Wassermelonen-Gurken-Limonade.

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Anschließend habe ich für meinen Berliner Freund den Reiseführer gegeben und ihn zielsicher zur Topographie des Terrors gelotst. Nachdem wir vormittags ein wenig südwestlich des Potsdamer Platzes herumgestreunert sind, wollte ich gerne mal ein wenig östlich der Stresemannstraße die Gegend erkunden. Da lag die Topographie auf dem Weg, die Phil schon immer mal sehen wollte.

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Eigentlich hatten wir ja lose auf unserem Zettel, das WM-Spiel um Platz 3 auf der Fan-Meile zu schauen. Als wir aber so dahin spaziert sind, klang es viel einladender, sich einen kleinen Biergarten zu suchen, der auf Public-Viewing im kleineren Rahmen anbietet. Ist doch schöner da gemütlich zu sitzen und sich nebenbei ein angenehm kühles Pils zu gönnen. Im Restaurant “Brachvogel” wurden wir dann auch fündig. Echt ein schönes Plätzchen, das einen mit seiner ruhigen Lage im Grünen schnell aus dem Großstadt-Mood herausholt.

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Berlin

Das Spiel war noch nicht beendet, da hatte Phil eine Einladung von Freunden auf dem Handy. Man wolle sich bei einem Griechen “etwas weiter draußen” treffen. Also haben wir die Location gewechselt und haben uns auf den Weg gemacht, einmal quer durch Berlin. Trotz guter Anbindung der Öffis haben wir gut eine Dreiviertelstunde gebraucht, um von A nach B zu kommen. Das zeigte mir noch mal schön das Ausmaß unserer Hauptstadt. Es folgte ein angenehmer Abend mit sehr netten Leuten und gutem Essen.

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Auf der Heimreise wurde es noch mal ein wenig “abenteuerlich”. Wir hätten zwar einfach noch mal vom S-Bahnhof in die U-Bahn steigen müssen, um eine Station zu fahren. Da wir aber bisher “nur” 20.000 Schritte auf dem Tacho hatten, habe ich vorgeschlagen, dass wir dieses Teilstück auch genauso gut zu Fuß gehen können. Schließlich war ein herrlicher Sommerabend. Wir ließen uns von Google Maps navigieren. Dass uns Google dann vom Bahnhof durch eine unbeleuchtete Kleingarten-Kolonie gelotst hat, erklärten wir uns damit, dass der US-Konzern mit Geldern des organisierten Verbrechens finanziert wird. So ganz geheuer war uns dieses Teilstück wohl beiden nicht. Aber: et hat noch immer joot jegange.

Zuhause angekommen haben wir noch ein wenig auf dem Balkon gesessen, Satelliten beobachtet und geschnackt. Was natürlich folgen musste als es draußen zu kalt wurde: der traditionelle YouTube-Abend, an dem wir uns gegenseitig die sehenswerten Videos der letzten Wochen präsentiert haben (mein Anspieltipp: der iPhone-Akku-Wechsel des Finn Kliemann). Um 2 Uhr war die Show dann vorbei.

Sonntag. Der Tag, an dem ich wieder mal sehr an meiner Macke zu leiden hatte. Wenn ich weiß, dass noch eine Abreise auf dem Programm steht, fällt es mir schwer, die Zeit davor zu genießen oder sinnvoll zu nutzen. Mein Bus ging erst um 18 Uhr vom ZOB zurück nach Hannover. Trotzdem habe ich dann den ganzen Tag das Gefühl, irgendwie “auf dem Sprung” zu sein. Da fällt es mir dann schwer mich auf etwas anderes zu konzentrieren. Phil hat das ganz gut gelöst und ist mit mir zum Arkenberger Kiessee gefahren. In knapp 15 Minuten raus an die Natur. Schönes Plätzchen da grundsätzlich, nur mit den vielen FKKlern hatten wir so unsere Probleme. Es fällt schwer den Blick über die schöne Natur schweifen zu lassen, wenn man immer Gefahr läuft, anderen spontan auf den Hintern (oder sonstwas!) zu gucken. Doch auch hier haben wir ein kleines, lauschiges Plätzchen gefunden, an dem wir lange verweilt sind.

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Viel zu früh haben wir uns auf den Weg zum ZOB gemacht (dran denken: ich bin immer “auf dem Sprung”) und sind in “Andys Diner & Bar” gelandet. Passte ja vom Namen her. Als wir davor standen, hatten wir schon miese Befürchtungen: ein Lokal in direkter Lage zum ZOB, direkt an einer vielbefahrenen Kreuzung, muss ja richtig mies sein. Denkste! Die Bar war echt tip-top. der Service war fix und freundlich und der vegane Burger war mächtig (und) lecker.

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Gemeinsam schauten wir noch die erste Halbzeit des WM-Finales, als ich mich direkt nach dem verwandelten Elfmeter zum 2:1 auf den Weg zu meinem Bus machte. Der Bus war pünktlich am Hannoverschen Hauptbahnhof, ich keine 20 Minuten später wieder in Sarstedt. Und auch da hatte ich wieder eine lehrreiche Erkenntnis. Kaum aus dem Zug ausgestiegen, hatte ich diesen herrlichen Duft in der Nase. Ihr kennt das: wenn sich der Tag dem Ende zuneigt, dann riecht es in der Natur noch mal so richtig intensiv nach Gras. Herrlich! Schon da hatte ich den Gedanken: “Das ist der Grund, warum Berlin nix für mich wäre”. Auf dem Weg nach Hause kam ich an unserem Ortseingang an einer Pferdekoppel vorbei, auf der zwei Fohlen wild herumtollten. Auch ein Anblick, den man in Berlin vergebens sucht. Nachdem ich etwas weg vom Haus geparkt hatte und noch einmal an der nahen Weide vorbei musste, habe ich noch einmal die Kamera gezückt. Es folgt ein Foto mit der Unterschrift: “Heute gelernt: ich bleibe lieber ein Landei, so schön Berlin auf Zeit auch ist”

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