Filmkritik: „Life“

Die sechs Astronauten der Internationalen Raumstation ISS spucken sich in die Hände: endlich ist eine Sonde von ihrem Marsbesuch zurück und versorgt das Team mit zahlreichen Proben des roten Planeten, die analysiert werden wollen. Dabei gelingt ihnen ein sensationeller Fund. Nicht nur, dass sie in den Gesteinen einen Einzeller entdecken; durch ein wenig Herumexperimentieren mit verschiedenen Atmosphären gelingt es ihnen sogar, den kleinen Knirps wiederzubeleben. Fortan wächst der gallertartige Organismus und erhält den Namen Calvin. Als die Forscher ein Experiment mit Strom machen, fühlt sich Calvin offensichtlich bedroht, verletzt einen Astronauten und entkommt aus seinem gesicherten Bereich in die Lüftung des Raumschiffes. Von nun an ist er ein Risiko, nicht nur für die Besatzung der ISS, sondern auch für die gesamte Menschheit.

Der Trailer hat mich anfangs sehr angesprochen, wirkte “Life” doch wie eine gelungene Mischung aus “Gravity” und “Alien”. “Gravity” beeindruckte mich vor allem dadurch, dass es eben keine Aliens gab, sondern alle Risiken und Gefahren einzig vom lebensfeindlichen Weltraum ausgingen. Ähnlich wie “Gravity” spielt “Life” in einer ganz nahen Zukunft, in der Raumschiffbesatzungen immer noch der Schwerelosigkeit ausgesetzt sind und nicht wie in vielen anderen Science-Fiction-Filmen ganz irdisch durch die Gänge ihrer Raumschiffe flanieren. Realismus wird hier (halbwegs) groß geschrieben, das hat schon seinen Reiz. Die Parallele zu “Alien” ist ebenso offensichtlich: ein außer Kontrolle geratener fremder Organismus rafft peu a peu eine überschaubare Raumschiff-Besatzung dahin. Dabei wird nicht nur die außerirdische Lebensform selbst, sondern auch das Vakuum des Weltalls zur großen Gefahr.

Die Voraussetzungen waren also schon mal gut. Auch die Besetzung passte wunderbar: während Jake Gyllenhaal ein eher introvertierter Mensch ist, für den der Weltall ein perfekter Rückzugsort von der Menschheit ist, gibt Ryan Reynolds das südstaatlerische Raubein, das nichts erschüttern kann und immer einen markigen Spruch auf der Lippe hat. Rebecca Fergusson (“Girl On The Train”) füllt die Rolle der Kommandantin auch ganz okay aus, die anderen drei Darsteller sind eher sympatisches Beiwerk.

Zu Beginn hat mich der Film auch in seinen Bann gezogen: gerade durch den Realismus hat der Film einiges an Wirkung erzielt. Die Entdeckung einer außerirdischen Lebensform wirkt plausibel. Dass die Namensfindung für das Baby-Alien über einen landesweiten Schul-Wettbewerb erfolgt, die Verkündung des ausgewählten Namens nirgends anders als auf dem Times Square in New York erfolgt, passt in die heutige Zeit. Gebannt schaut man den Wissenschaftlern über die Schulter, wenn sie ihre Experimente mit Calvin durchführen.

Leider haben gerade diese Filme, die doch einen gewissen Anspruch auf Realismus haben (Regisseur Daniél Espinoza hat im Produktionsprozess auch mit der NASA gesprochen), oftmals einen großen Haken: wenn ihr mir schon großen Realismus vorspielt, wundert Euch nicht, wenn ich gewisse Sachverhalte tatsächlich hinterfrage. Um hier keinem die Freude an dem Film zu nehmen, werde ich am Ende des Artikels ein paar meiner spoilerverseuchten Gedankengänge aufschreiben.

Fazit: Alles in allem ist “Life” ein okayer Film mit authentischen Charakteren in einer recht realistischen Umgebung. Er ist allerdings nur eine weitere Spielart von “Alien”, hat aber abgesehen von einem komplett anders aussehenden Alien nicht wirklich viel Neues in petto. Für Fans des Genres durchaus sehenswert, ich hatte mir jedoch irgendwie mehr erhofft, auch wenn ich das “Mehr” nicht wirklich fassen kann.

Wertung: 3/5

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Hier einige meiner Gedankengänge, die mir den Spaß an dem Film doch ein wenig verdorben haben:

Ungewöhnlich ist schon, dass in einem akuten Notfall die etwa 8 Ventile eines Belüftungssystems nicht zeitgleich, sondern jeweils im etwa 3sekündigen Abstand geschlossen werden. Da hofft man, dass es auf der echten ISS ein besseres Notfall-Management gibt.
Dann gibt es zuerst eine Szene, in der Calvin eine Astronautin bei ihrem Außeneinsatz bedroht. Calvin bewegt sich lässig über die Außenhaut der ISS, wirkt vom Vakuum des Weltalls völlig unbeeindruckt und vital. Später versuchen die Astronauten Calvin dann in eine Sektion der ISS zu locken, um dort dann die “Luft abzulassen” und ihn damit zu töten. Als hätten sie zuvor nicht gesehen, wie behende er sich im luftleeren Raum bewegen würde.

Wer hätte vermutet, dass es bei einer Raumstation, die auf eine sechsköpfige Besatzung ausgelegt ist, nur Rettungskapseln für zwei Personen gibt? In der Realität sieht das etwas anders aus.

Natürlich ist das noch mal ein toller Effekt, als klar wird, dass Calvin mit einer Rettungskapsel auf die Erde gelangt. Überraschung, Überraschung! Warum jedoch die falsche der beiden Kapseln auf der Erde landet bzw. im Weltall verschwindet, wird irgendwie so gar nicht erklärt.

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