Filmkritik: „Das brandneue Testament“

Gott existiert: er lebt in Brüssel, ist verheiratet und hat – neben dem längst verstorbenen Jesus – eine Tochter namens Ea. Meistens sitzt er im speckigen Unterhemd in seinem Arbeitszimmer am Computer und schickt der Menschheit Katastrophen und Krankheiten an den Hals. Irgendwann wird es Ea zuviel, sie betritt das streng verbotene Zimmer und hackt den Computer des Allmächtigen. Sie verschickt an alle Menschen eine Nachricht, wie lange sie noch zu leben haben – per Countdown genau bist auf die Sekunde. Anschließend bricht sie aus der Wohnung aus und macht sich auf die Suche, um sechs Apostel zu finden. Gemeinsam mit ihnen will sie ein brandneues Testament schreiben.

Die Geschichte klingt skurril bis verrückt? Kann durchaus sein. Man fragt sich, was genau verrückter ist: die Tatsache, dass der Ausweg aus der göttlichen Wohnung über eine besondere Programmkombination der Waschmaschine führt oder dass irgendwann Catherine Deneuve die ihr verbleibende Lebenszeit zärtlich schmusend mit einem Gorilla im Bett verbringt. Ja, genau.

Im Nachhinein hätte ich merken können, dass es sich bei “Das brandneue Testament” um einen Film des Regisseurs Jaco Van Dormael handelt. Mit “Mr. Nobody” hat der Belgier einen ähnlich fantastischen Film geschaffen, der mich durch seine visuelle Opulenz und philosophischen Tiefgang so beeindruckt hat, dass er fortan zu meinen absoluten Lieblingsfilmen zählt. Van Dormael legt auch hier viel Wert auf eine beeindruckende Optik, lässt Giraffen durch die menschenleeren Straßen Brüssels schlendern oder Vogelschwärme ihre Runden am Polarkreis drehen. Gerne werden bildhafte Beschreibungen auch kurz tatsächlich bildhaft eingeblendet. Nachdem die Off-Sprecherin etwa sagt: “Er roch wie ein totes Kamel in einer Schnapsbrennerei” wird kurz darauf ebendies eingeblendet. Irrwitzig, aber sehr unterhaltsam.

Dabei ist “Das brandneue Testament” ein Film, der bei all der Alberei auch nachdenklich machen kann. Die zukünftigen Apostel sind gut ausgesucht und geben jeder für sich eine ganz persönliche Antwort auf die Frage “Was willst Du mit Deiner restlichen Lebenszeit anfangen?”. Weiterhin den ewig gleichen drögen Bürojob machen? Andauernd Strip-Shows besuchen, anstatt den Mut zur echten Liebe zu fassen?

Der Moment, in dem alle Menschen auf der Welt die Mitteilung über ihre verbleibende Lebenszeit bekommen, ist schon ein ziemlicher Holzhammer-Moment. Bei der ein oder anderen Person schnürt es einem da automatisch den Hals zu. Zum Glück lässt Van Dormael nicht zu viel Trübsal aufkommen, indem er etwa in den Fernsehnachrichten über die “Death-Leaks” berichten lässt oder als Running Gag einen verrückten Mittzwanziger einbaut, der sich immer mal wieder von Gebäuden oder Brücken stürzt, da er weiß, dass ihm nichts passieren kann – er lebt ja noch 63 Jahre. Auch schwarzer Humor ist in kleinen Dosen gut platziert, so lässt sich der Regisseur höchstselbst im Film von einem Bus überfahren, nur Sekunden nachdem er die Mitteilung bekommen hat, dass er nur noch wenige Sekunden zu leben hat.

Leider sind die ausgewählten Apostel mit ihren Eigenarten auch so außergewöhnlich, dass es dem gemeinen Zuschauer schwer fällt, sich mit ihnen zu identifizieren. Mit all dem witzigen Klimbim haben wir also einen Film, der zwar zum Nachdenken anregt, aber dennoch nur an der Oberfläche kratzt, weil kurz darauf der nächste Gag um die Ecke kommt. Die Frage nach dem Sinn des Lebens muss eh jeder von uns für sich selbst beantworten. Ein Melodram, das einen wirklich das eigene innerste Selbst erkunden lässt, war sicherlich nicht der Ansatz für diesen Film. Er zeigt vielmehr wie man die Frage aller Fragen auf eine unterhaltsame Art und Weise filmisch umsetzen kann.

Wertung: 3,5/5

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