Filmkritik: „Phoenix“

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges kehrt Nelly (Nina Hoss) endlich heim. Im Konzentrationslager wurde sie so schwer verletzt, dass ihr Gesicht mit mit aufwändigen Operationen rekonstruiert werden musste. Zurück in ihrem Heimatort macht sie sich auf die Suche nach ihrem Mann Johnny (Ronny Zehrfeld). Obwohl ihre Freundin Lene (Nina Kunzendorf) den Verdacht hat, dass er Nelly an die Nazis verraten hat, lässt die sich nicht von der Hoffnung abbringen, mit ihm wieder zusammen zu kommen. Tatsächlich trifft sie ihn, doch anstatt sie zu erkennen beginnt er mit ihr ein perfides Spiel…

Der Name Christian Petzold bürgt gemeinhin für Qualität. Auch seine bisherigen Werke wie “Yella”, “Jerichow” oder “Barbara” tragen eine unverkennbare Handschrift. Auffälligstes Merkmal ist sicherlich, dass in allen genannten Filmen Nina Hoss die weibliche Hauptrolle spielt. Besonders werden die Filme jedoch durch das Credo, dem Petzold sich offensichtlich verschrieben hat: “Langwierig, aber nicht langweilig”. So besteht auch “Phoenix” aus vielen unaufgeregten Szenen, die eine Mainstream-Kinogänger schnell zum Abschalten bringen. Oftmals beschränkt sich die Kameraarbeit darauf, Personen einzufangen, die dann nicht einmal großartig miteinander sprechen, geschweige denn mit überschwänglichen großen Gesten die Handlung voran treiben. Doch oft sind es eben die Blicke, die Nuancen im Mienenspiel, die einem Film das Prädikat “besonders wertvoll und eindringlich” verleihen.

So auch hier: Nina Hoss schafft es mit ihrem akzentuierten Spiel eine breite Gefühlspalette darzustellen. Sei es die Verzweiflung als sie von ihrem Mann nicht wiedererkannt wird oder ihr ewig hoffnungsvolles Gesicht, dass er sie doch an dieser oder jener Kleinigkeit nun endlich doch erkennen muss; niemals wird der Vorschlaghammer herausgeholt, immer sind es nur klitzekleine Reaktionen im Bruchteil einer Sekunde, die auch die Klasse von Nina Hoss unter Beweis stellen. Sie schafft es glaubwürdig eine verzagte, unsichere Frau zu geben, die sich zum Ende des Films hin – kleiner Spoiler voraus – selbst neu erfindet. Dass Ronny Zehrfeld und Nina Kunzendorf nie eine schlechte Wahl für die Besetzungsliste sind, erklärt sich von selbst. Beide füllen ihre Rollen mit einer tollen Präsenz und Authentizität aus, obwohl gerade Kunzendorf leider viel zu wenig Screen-Time zugestanden wird. Da wäre noch etwas Platz für mehr konfliktreiche Dialoge gewesen.

Zugegeben: “Phoenix” ist kein einfacher Film und man muss sich der Prämisse des Films schon hingeben, ohne sich häufiger mal bei der Frage zu erwischen “Was? Selbst daran hat er seine Frau nicht erkannt?”. Belohnt wird man aber nicht nur mit einem Film, der trotz all der Unaufgeregtheit bis zur letzten Sekunde spannend ist, sondern eben auch mit einem furiosen Ende, das auch jetzt bei mir noch für eine Gänsehaut sorgt. Herr Petzold, ein weiteres Mal ziehe ich meinen Hut.

Wertung: 4/5

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