Sport-Tagebuch Mai 2020 – Vom Scheitern und trotzdem gewinnen

Vor knapp zwei Wochen stand ich im Büro vor der Kaffemaschine und während das braune Gold so langsam in die Tasse floss, schweiften meine Gedanken ab. Warum bin ich gerade so glücklich und so im Reinen mit mir? Die Erkenntnis habe ich kurz darauf getwittert:

Ich finde mich selbst gut, ohne dabei eitel zu sein (warum auch?!). Und da kein anderer meine Macken so sehr kennt wie ich selbst, kann auch keiner so dermaßen darüber lachen wie ich. Ihr hättet mich Anfang Mai erleben sollen, wie ich im Badezimmer stand, mir selbst im Spiegel tief in die Augen schaute und streng sagte: „Andy, am Ende des Monats bist du konstant unter 80 Kilo!“. Mein inneres Ich hat sich scheckig gelacht, aber gut – das Spiegel-Ich blickte so ernst, dass ich das wirklich mal versuchen wollte…

Am Anfang des Jahres musste ich ins Krankenhaus. Da ruhte all meine Hoffnung darauf, dass ich durch den Klinikaufenthalt schon irgendwie die magische Grenze von 80 Kilo unterschreiten würde. Ich habe nur den Frust nicht mit einberechnet, den die damalige Gesamtsituation so auslöst. Nach zig Jahren ist der Krebs wieder da; wann hat man eine gute Ausrede für Frust-Fressen, wenn nicht jetzt? Entsprechend wollte die 80er-Marke auf der Waage einfach nicht fallen. Corona und die Schließung des Fitness-Studios trug da sicherlich auch einiges dazu bei.

In diesem Mai-Monat hatte ich aber häufiger das Bild von mir vor Augen, wie ich mir im Spiegel streng in die Augen schaute (und wie der andere Andy im Hintergrund mit einem „Ja, klar“ auf den Lippen zusammenbrach). Anscheinend hat es geholfen.

Eigentlich sollte ich momentan von mir selbst enttäuscht sein: heute wollte ich auch mal unmotorisiert die 100-Kilometer-Marke bei einer Radtour knacken. So häufig ist das noch nicht vorgekommen. Dieses Jahr habe ich es erst einmal mit dem Pedelec geschafft. Gut ausgerüstet bin ich gestartet: im Rucksack war der Camel-Bag mit 3 Litern Wasser gut gefüllt, ein Brötchen vom Frühstück hat es in den Proviant geschafft, ebenso wie eine Prinzenrolle. Selbst eine Route in unbekannte Gefilde hatte ich mir mit Komoot in wenigen Minuten zusammengeklickt. Mal wieder was Neues sehen, fernab von bekannten Gefilden. Aber es ist schon ein wenig frustrierend, wenn man inzwischen mindestens 25 Kilometer weit fahren muss, um überhaupt mal wieder die Chance zu haben, an einer Kreuzung in eine bisher unbekannte Richtung zu fahren. Unseren „Hood“ kenne ich ja nun inzwischen in- und auswändig.

Tatsächlich habe ich westlich von Alfeld ein paar schöne Ecken entdeckt, deren einziges Problem war, dass ei ziemlich hügelig waren. Das ist man als Mensch aus der Hannoverschen Ebene nicht so gewohnt. Aber schön sah das schon aus:

Ich war guter Dinge, war ich doch recht moderat gestartet, habe mich gefühlt auch an den Anstiegen nicht zu sehr verausgabt und somit Energie gespart. Am Dienstag war ich schließlich schon 80 Kilometer geradelt, ohne Proviant und mit wenig Wasser. Da müsste doch noch so einiges gehen! Nach 47 Kilometern war ich in der Nähe von Alfeld. Ich wusste, dass mich meine Tour an dieser schön an der Leine gelegenen Bank vorbeiführt. Und schon 10 Kilometer bevor ich angekommen bin, habe ich mich auf eine kurze Rast und mein Brötchen gefreut. Auch da war ich noch gut drauf.

Zwischendurch sei noch erwähnt, dass ich gerade an einer gerade für Radfahrer sehr unangenehmen Stelle einen Pickel habe, der die ersten 10 Kilometer auch noch ziemlich geschmerzt hat. Danach war das aber vergessen und alles gut. Doch ich hatte den Wind unterschätzt, der im Lauf des Tages stärker geworden ist. Vermutlich gingen die ersten 47 Kilometer so gut von der Hand, weil ich viele davon mit Rückenwind gefahren bin. Nun hieß es aber: Richtung Heimat und damit „Gegenwind!“. Die Tour war auf 70 Kilometer ausgelegt und ich hatte geplant, danach noch 30 Kilometer in unserem Umkreis zu fahren, damit ich im Fall des Falles abbrechen konnte und fix zuhause wäre. Nachdem ich aber zig Kilometer mit Gegenwind gefahren bin und auch noch einige Steigungen vor mir lagen, habe ich beschlossen, es bei den 70 Kilometern zu belassen.

Nun könnte ich sagen, dass ich an meinem Ziel gescheitert bin. Traurig. Aber ich bin ja gnadenloser Optimist. Schließlich hatte ich befürchtet, dass ich mit dem Pickel gar nicht erst vom Hof komme, weil es so weh tut. Und 70 Kilometer am Stück sind ja nun auch schon mal eine Hausnummer. Nicht zu vergessen: gestern bin ich auch schon über 70 Kilometer gefahren. Ich brauche mir also trotz des verfehlten Ziels nicht vorwerfen, faul zu sein.

Und als kleines Bonbon obendrauf zeigte die Waage gerade auch nur 79,4 kg an! Wenn ich mich nun also zusammenreiße und nicht drei Magnum zwischendurch verputze (ja, das ist mir wohl schon mal passiert…), dann sollte ich mein Ziel, die 80-Kilo-Marke auch etwas längerfristig zu unterbieten, erreichen.

Kein Grund, traurig zu sein!

Ein Gedanke zu „Sport-Tagebuch Mai 2020 – Vom Scheitern und trotzdem gewinnen“

  1. Gratuliere zu deiner schönen Rund und deinem Gewichtsziel. Ich fühle mich mit meinen 1,92 m bei 79 bis 82 kg am wohlsten. Und tatsächlich habe ich es geschafft jetzt schon seit ca. 6 Monaten um die 81 kg zu pendeln (und am wichtigsten immer unter 82 kg). Das war vor einem Jahr mit Ausreißern bis zu 86 kg noch ganz anders. Insofern verstehe ich dich gut — und bin eh beeindruckt was du so kurz nach deiner OP schon wieder reißt. Sehr, sehr cool! Mach weiter so… 🙂

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