Mein erster Poetry Slam

Bisher habe ich mich dem Thema Poetry Slam immer sehr verschlossen. Vermutlich hat mich damals dieser Hype um Julia Engelmann abgeschreckt. Poetry Slammer, das waren für mich bisher immer junge Menschen, die mit einer extravaganten, über allem schwebenden Attitüde bedeutungsschwanger mit vielen Kunstpausen ihre selbst geschriebenen Texte vorgetragen haben. Unterschwellig immer mit einem “Hey, guckt mal, was für deepe Gedanken ich in Worte fassen kann!” versehen.

Bei meinen immerwährenden Schlendereien über diverse YouTube-Kanäle bin ich vom altbekannten “Nightwash”, in dem seit Jahren junge Comedians ihre Stand-Up-Qualitäten unter Beweis stellen durften, immer auch mal wieder auf Videos hingewiesen worden, die aus der Poetry-Slam-Ecke kamen. Eine klare Grenze zwischen Stand-Up und Poetry Slam ließ sich manchmal nur schwer ziehen, beispielsweise bei Helene Bockhorst. Nun stand das große Jahresfinale eines monatlich ausgetragenen Poetry Slams in Hildesheim auf dem Programm und ich habe mir gedacht: “Warum nicht?”. Gemeinsam mit Michi und ihrer lieben Trauredner-Kollegin Manu, die das beide keck unter der Rubrik “Fortbildung” verbuchten, haben wir uns auf den Weg ins Thega gemacht. Und wir wurden nicht enttäuscht.

Bei so einer Veranstaltung in einem Kinosaal wurden natürlich gleich erst mal Erinnerungen an die liebe gute alte Sneak im Cinemaxx Hannover wach. Und auch diesmal hat man direkt gemerkt, dass ein Kinosaal eben absolut nicht für solche Live-Veranstaltungen geeignet ist. Die Akustik ist echt gewöhnungsbedürftig, vermutlich weil die Wände zumeist mit schalldämmenden Stoffen bezogen sind, die eben nicht nur den Schall, sondern auch die Live-Atmosphäre empfindlich eindämmen. Und auch die Soundanlage machte anfangs einige Probleme, da die gesprochenen Worte mit minimaler Zeitverzögerung aus den Lautsprechern kamen. Aber hey, das ist ein Poetry Slam, eine Veranstaltung der “etepetete Kulturbühne”, da darf es ruhig ein wenig improvisiert sein. Kein Problem.

Ich war gespannt, was mich denn so erwarten würde und ich wurde wahrlich nicht enttäuscht. Den Beginn machte ein sehr humoriger Text über einen Nicht-Flirt an einer nächtlichen Bushaltestelle, vorgetragen von Alex Paul, einem sympathischen Typen mit der Ausstrahlung eines Zach Galifianakis. Es folgten zwei mehr oder weniger gesellschaftskritische Texte von Vorjahressieger Matti Linke und Nick Duschek, die eben jene “Ich als kreativer Schreiber stehe über den Dingen”-Attitüde an den Tag legten, die ich nicht so leiden kann. Der eine war inhaltlich wirklich gut, der andere textete in einer Aneinanderreihung von Metaphern. Das war nicht so meins.

Ganz anders als der heimliche Sieger unserer aller Herzen: Eberhard Kleinschmidt, der ganz agil auf die Bühne gesprungen kam und seinen Text zum Thema “Wo ist die Zeit geblieben” mit den Worten einleitete, dass er bald seinen 80. Geburtstag feiern würde. Wow! Sein Vortrag war teils lustig, sehr lebhaft, teils aber auch sehr nachdenklich. Ob wir alle nicht viel zu viel Zeit mit dem Smartphone verbringen und unsere Zeit sinnlos verplanen, “weil man ja was machen muss”. Machen, machen, machen anstatt nur mal zu sein. Ein schöner Beitrag, der bis zu diesem Zeitpunkt auch am besten bewertet wurde.

Dann kam mit Conni Fauck die erste Slammerin, die mich so richtig beeindruckt hat. Ihr Text über ertrinkende Flüchtlinge und die wachsende Gefühlskälte in unserer reichen Industrienation ging mir richtig unter die Haut. So ein heftiges Thema in so lyrische Worte verpackt, das hat mir schon einiges an Respekt abgerungen. Zudem auch noch hervorragend vorgetragen, so dass ich fast ein Tränchen verdrückt habe. Gänsehaut. Bis ganz kurz vor Schluss war sie meine absolute Favoritin.

Nach einer kurzen Pause kam mit Mia Heuse ein junges Talent aus Hildesheim. Ihr Beitrag war eine Art Rap, in dem sie einem für diverse gefährliche Situationen lebensrettende Tipps mit auf den Weg gab. Leider hat sie sich vermutlich wegen des Lampenfiebers oder der komischen Akustik ein paarmal verhaspelt (was bei einem schnell vorgetragenen Rap mit derart viel Text auch kein Wunder ist), aber ansonsten war ihr Vortrag richtig fresh.

Romina Kehl, Ex-Hildesheimerin und Jetzt-Paderbornerin, widmete ihren Text ihrer anwesenen 86jährigen Großmutter. Ein bewegender Text, der die Erinnerungen der lieben Oma aufarbeitete, von der Flucht im Zweiten Weltkrieg bis hin in die Jetztzeit, vermischt mit ihren eigenen Kindheitserinnerungen an das großelterliche Haus. War schön, war heimelig, hat sicher nicht nur Omas Herz gut getan und war vermutlich auch nicht darauf ausgelegt den Contest zu gewinnen.

Es folgten: die Textstreet-Boys, zwei Jungs aus dem Ruhrpott, die einen sehr unterhaltsamen Beitrag über eine Männerfreundschaft vortrugen, die für einen von beiden mehr als nur Freundschaft ist. Auch ein sehr gekonntes Spiel mit Gefühlen von Freude, Fremdscham bis hin zu Mitgefühl und Hilflosigkeit. Was man nicht alles in einen fünfminütigen Vortrag packen kann. Mein Urteil über Poetry Slams hatte ich zu dem Zeitpunkt dann schon stark überarbeitet.

Dann folgte ein Gast aus Berlin: Jule Keller konnte nicht nur mit einem Text über einen elfjährigen krebskranken Jungen überzeugen, der die Liebe nicht mehr kennenlernen wird und seine Träume nie verwirklichen werden kann. Bei ihr hat mich vor allem auch die Stimme gerissen. Wow! Die sollte zukünftig alle Hörbücher dieser Welt einsprechen. Gemeinsam mit meine Favoritn Conni Fauck zog sie dann auch verdient ins Finale ein.

Dort gaben beide Finalistinnen noch einen weiteren Text zum Besten. Conni lieferte einen Text über eine junge Frau, die durch einen sexuellen Übergriff jahrelang traumatisiert ist, bei der Herz und Kopf seitdem im ewigen Widerstreit sind. Jule sprach (mutmaßlich) über ihren Großvater, der ihr nun gegenübersitzt und die Nazizeit und den Krieg überlebt hat. Sehr bewegende Anekdoten, Erinnerungsfacetten gibt sie mit ihrer wunderbaren Stimme wieder und konnte sich somit – sorry, Conni – von mir auch den lauteren Applaus einheimsen.

Der Goldene Bleistift, der Preis des Abends, ging dann auch an Jule Keller, die sich sichtlich gefreut hat. Es sei ihr von Herzen gegönnt.

Meine Lehre aus dem Abend: Poetry Slam sind nur im schlimmsten Fall irgendwelche “egofickenden Selbstdarsteller”, für die ich sie immer gehalten habe. Der Großteil jedoch erweist sich als eine sehr kreative Truppe, die mit wenigen Worten berührende Geschichten erzählen können, die mal rühren, mal bewegen, mal zum Lachen bringen und mal Tränen in die Augen treiben können. Ich vermute einfach mal, dass das nicht mein einziger Poetry Slam gewesen sein wird…

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