Filmkritik: „Nocturnal Animals“

Susan (Amy Adams) ist eine erfolgreiche Managerin, bei der das Privatleben ziemlich auf der Strecke geblieben ist. Eines Tages erhält sie von ihrem Ex-Mann Edward (Jake Gyllenhaal) einen ihr gewidmeten Roman. Von der Story gebannt nutzt sie jede ruhige Minute, um den Roman zu lesen. Darin geht es um ein Ehepaar, das auf dem Weg durch die Wüste von Texas von ein paar Rowdys belästigt wird. Das Treiben nimmt ein böses Ende, Frau und Tochter werden getötet. Fortan versucht der Witwer mit Hilfe des Sheriffs (Michael Shannon) die Mörder zu stellen.

Tom Ford, seines Zeichens ja eher als Modedesigner bekannt, hat mit “A Single Man” bereits einen Film abgeliefert, den ich als “Instant Meisterwerk” bezeichnen würde. Auch damals fiel es mir schwer in Worte zu fassen, was diesen Film so beeindruckend gemacht hat. Die Tiefer der Charaktere? Die Ästhetik, die sich nicht in gewaltigen Bildorgien gezeigt hat, sich aber doch von anderen Filmen stark unterschied? Egal. Zumindest ist ihm mit “Nocturnal Animals” ein weiterer Film gelungen, dessen Genialität sich nicht wirklich gut in Worte fassen lässt. Am Ende haben wir auf den Abspann gestarrt und beide “Wow, das war mal ‘n Brett” gesagt.

Am eindringlichsten ist sicherlich der Beginn des Romans. Die Familie ist fernab von Ortschaften oder Handyempfang unterwegs und wird von einer Gruppe Männer verfolgt, die jeden falschen Blick als gelungenen Anlass nehmen, andere zu bedrohen und zu drangsalieren. Diese Szene ist dermaßen bedrückend, dass man sich selbst als Zuschauer gequält winden möchte. Was für ein Spiel treiben die Rowdys? Warum muss die Tochter so vorlaut sein und mit ihren Kommentaren die Kerle auch noch anstacheln? Warum sind die auf einmal so freundlich und wollen den platten Reifen wechseln, den sie selbst zerstochen haben? Selten war die Anspannung und Ausweglosigkeit einer Situation so greifbar.

Doch nicht nur die Geschichte, sondern auch die Darsteller sorgen dafür, dass der Film so stark in Erinnerung bleibt. Allen voran Jake Gyllenhaal, der hier quasi eine Doppelrolle übernimmt. Zum einen ist der der Ex-Mann von Susan, zum anderen aber auch das leidgeprüfte Gewaltopfer im Roman. Hier kann Gyllenhaal ein weiteres Mal seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellen: als “realer Edward” ist der der charmante Beau mit dem verschmitzten Lächeln, als der fiktive Tony im Roman wird er schnell zum ausgemergelten Leidenden mit fettigen Haaren und tiefen Augenringen. Dass die Geschichte immer wieder zwischen Szenen aus dem Roman und Versatzstücken aus Susans realer Erinnerung hin und her springt, führt einem erst recht sehr deutlich vor Augen, wie wandlungsfähig Gyllenhaal ist.

Wo wir gerade beim Thema “Wandlungsfähigkeit” sind: Aaron Taylor-Johnson hätte ich im Leben nie erkannt! Der schmierige Anführer der brutalen Gang mit seinem Lemmy-Schnurrbart hat so gar nichts mehr von dem Milchgesicht, das vor gar nicht mal allzu langer Zeit die Titelrolle in “Kick-Ass” gespielt hat. Da musste ich bei der anschließenden Sichtung des “Kick-Ass”-Trailers aber echt ganz genau hinschauen, um in dem Gesicht den Gangster aus “Nocturnal Animals” zu erkennen.

Michael Shannon ist seine Rolle wie auf den Leib geschneidert: der Schauspieler, dessen Markenzeichen sein eindringlicher “irrer” Blick ist, ist die Idealbesetzung für einen knurrigen Südstaaten-Sheriff, dem der Rest der Welt scheißegal ist. Schon in der ersten Szene zauberte er mich ein breites Grinsen aufs Gesicht.

Ein weiteres Highlight des Filmes war für mich Fords Fähigkeit, mit vielen kurzen Szenen so wahnsinnig viel auszudrücken. In vielen kurzen Flashbacks aus Susans Erinnerung werden die wichtigen Stationen ihres Lebens gezeigt. Und obwohl die Szenen aus Kennenlernen, Beziehung und Trennung von Susan und Edward auf weniger als fünf Minuten Laufzeit destilliert wurden, bekommt man doch ein sehr gutes Gefühl dafür, was beide aneinander fasziniert hat und was letztlich zur Trennung geführt hat. Noch besser: das erste Aufeinandertreffen mit Susans aktuellem Partner wird einfach – komplett aus jeglichem Kontext gerissen – in einer zehnsekündigen Szene abgehandelt und erklärt doch alles.

Man merkt: der Film hat mich wirklich sehr begeistert. Schon lange hatte ich keinen Film mehr, den ich am liebsten gleich noch mal schauen würde. Und auch wenn ich hier viele kleine Details beschreibe, die vermeintlich dafür verantwortlich sind, dass der Film mich so erwischt hat, bleibt doch auch vieles unbeschreiblich. Manchmal muss und kann man das Gute gar nicht in Worte fassen.

Wertung: 5 / 5

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